I. Die Hochschule zu Detmold
Die Detmolder Hochschule ist, soviel ich weiß, während des ersten Weltkrieges oder schon vorher als Hochschule für Verwaltungswissenschaften (Fürst-Leopold-Akademie) konzipiert worden. Den ordentlichen Lehrbetrieb hat sie mit dem SS 1919 aufgenommen. Infolge weiteren Ausbaues wurde sie im Januar 1922 in "Hochschule für Staats- und Wirtschaftswissenschaften" umbenannt. Das Studium schloss mit dem akademischen Grad "Dipl.-Volkswirt" ab. Später kamen noch ein Staatsexamen und die Promotion (Dr. rer. pol.) hinzu.
Studierende, die gleich nach dem Krieg die Hörsäle füllten, waren, so auch in Detmold, mehrheitlich Träger von Felduniformen, Menschen, die sich das wissenschaftliche Rüstzeug für einen künftigen zivilen Beruf aneignen wollten, nachdem so viele Jahre durch den Krieg verloren waren. Die Möglichkeit zu einem intensiven Studium war hier bei der kleinen Zahl von Studierenden (etwa 150) gegeben.
II. Die "Freie akademische Verbindung Teutoburger Barden"
Verständlich ist, dass Freundschaften unter den Studenten gesucht wurden und dass nach den Entbehrungen und überstandenen Gefahren des Krieges, die den ganzen Einsatz des Soldaten über vier Jahre verlangt hatten, nun auch die Freude am Leben wieder gewonnen werden wollte. So entstand sehr bald korporatives Leben.
Die Burschenschaft Teutoburg geht auf einen Freundschaftsbund zurück, der sich im Hörsaal bildete. Hier saßen John Windels (Spitz), Johannes Schulze (Zackel), Alwin Eich (Pascha), Friedrich Wagner (Pieronnie), Wilhelm Harz (Molch), Toni Rauch (Toni), Martin Otto (Purri), Heinrich Mehrmann (Neptun) und andere zusammen. Man lernte sich kennen und fand bald heraus, dass man sich menschlich verstand. Häufige wechselseitige Besuche auf unseren Buden förderten die beginnende Freundschaft.
So ergab es sich fast von selbst, dass wir uns zu einer festeren Gemeinschaft zusammenschließen wollten, und gründeten am 14. Juni 1919 im "Grünen Jäger" in Detmold (Das Haus steht nicht mehr.) die "Freie akademische Verbindung Teutoburger Barden". Ihr Wahlspruch war "Einer für Alle, Alle für Einen!" Ihre Farben waren grün-rot-silber. Der Zirkel trug ein großes "B" für "Barden".
Nach Genehmigung der Satzung durch den Senat prangten bald unsere Insignien fein von Künstlerhand gemalt – allerdings heraldisch anfechtbar – und gerahmt neben den Emblemen andere Korporationen beim schwarzen Brett. Der erste Vorstand setzte sich wie folgt zusammen: Alwin Eich X, John Windels XX, Martin Otto XXX und blieb über vier Semester unverändert mit Ausnahme dessen, dass an Stelle von John Windels ab SS 1920 Bbr. Schaar trat.
Bald fanden wir auch Förderer der Teutoburger Barden in den Herren Gemeinrat Kellner, Hofrat Staerke und Regierungsrat Petri, denen wir das Band der Barden verliehen und die Ehrenmitglieder unserer Korporation wurden. Häufiger waren wir bei AH Kellner auf seinem prächtigen Landsitz bei Schlangen am Teutoburger Wald zu Gast, und die finanzielle Unterstützung, besonders von Herrn Kellner, half uns aus mancher Schwierigkeit.
III. Auf der Suche nach einem Verband
Es ergab sich sehr bald, dass es für den Bestand der Teutoburger Barden wichtig wurde, sich an einen studentischen Verband anzulehnen oder anzuschließen, der in etwa unsere Grundsätze vertrat. So nahmen wir – ich glaube im SS 1920 – Beziehungen zur Burschenschaft Germania im SB zu Göttingen als dem damaligen Vorort dieses Bundes auf. Ich bin auch einmal als X unserer Korporation beim Stiftungsfest der Germania in Göttingen zugegen gewesen. Die Beziehungen wurden jedoch durch uns nicht weiter intensiviert, weil sich die Meinung im Konvent gebildet hatte, dass unsere freiheitliche Auffassung eines allgemein-christlichen Verständnisses nicht recht in den (damaligen) Rahmen des SB passte. Es lag dabei wohl daran, dass die Germania stark evangelisch-theologisch geprägt war.
Dann trat der "Verband Deutscher Burschen" (VDB) in unser Gesichtsfeld, ein nach dem Krieg gegründeter Verband, der auch das Duell verbot, aber, so schien es uns, stärker national betont war als der SB. Der Vorort war damals die Reformverbindung "Adelphia" in Gießen, eine alte, in dieser Stadt sehr angesehene Korporation, im Besitze eines schönen Verbindungshauses und einer regen Altherrenschaft.
Es kam sehr schnell zu einem freundschaftlichen Verkehr zwischen uns und den Adelphen. Ich habe mehrmals bei festlichen Gelegenheiten die Teutoburger Barden in Gießen vertreten und auch die ersten Verhandlungen wegen eines möglichen Beitritts zum VDB geführt.
Die Beitrittsabsicht warf nun die Frage nach Änderung des Namens unserer Verbindung auf. Jedenfalls glaubte die Mehrheit, dass die Umbenennung in "Burschenschaft" wegen der Angleichung an den VDB erforderlich oder zumindest wünschenswert wäre, ohne dass damit sich etwas an den bisherigen Grundsätzen änderte. So wurden wir die "Burschenschaft Teutoburg". Das Herz aber blieb das der Teutoburger Barden! Es blieb auch unser Bardenlied: "Stimmt an mit hellem, hohem Klang". Es blieb auch unser Bardenpfiff, unter dem wir uns stets erkannten.
Grundsätze der B! Teutoburg in Detmold:
Mit dem 15. Januar 1922 wurde die Teutoburg außerordentliches und zwei Jahre später ordentliches Mitglied des VDB. Damit war eine größere Sicherheit für die weitere Entwicklung unserer Burschenschaft gegeben. Natürlich hing viel davon ab, ob der Keilbetrieb uns von Semester zu Semester die nötigen Füxe brachte.
Im Ganzen konnten wir diesbezüglich in den Detmolder Jahren zufrieden sein, wenn auch immer Gefahrenpunkte auftraten und auch die Sorge bestand, ob die Chargenbesetzung klappte. Schließlich durfte das Studium nicht zu kurz kommen; vor allem für die Kandidaten, die sich auf die Prüfungen vorzubereiten hatten. Es gab aber immer Idealisten, die sich zur Verfügung stellten. Dazu gehörten vor allem Weiberg, Berghändler und Dr. Tiemann. Ich selbst war die ersten vier Semester X der Korporation.
IV. Das Verbindungsleben
Das korporative Zusammensein brachte es mit sich, dass sich die Bundesbrüder zwanglos zu Studiengemeinschaften zusammenfanden, in denen vor den Abschlussprüfungen besonders eifrig gearbeitet wurde. Der Allgemeinbildung dienten die von Fall zu Fall angesetzten Abende, an denen ein von dem jeweiligen Referenten frei gewähltes Thema behandelt wurde. Zumeist fand dann anschließend eine rege Aussprache (nicht "Diskussion") statt. Die Themen umfassten ein weites Spektrum der Wissenschaft und Kunst und waren nicht fachlich eingeengt.
Die Kneipabende vollzogen sich in fröhlicher, gelockerter Runde. Der eiserne Komment hätte wahrlich zu uns kaum gepasst, die wir diesen schrecklichen Krieg hinter uns hatten und nun das Leben uns neu geschenkt war. – Es waren nur wenige unter uns, die ohne merkliche Kriegsverletzungen waren, Bein- und Arm-Amputationen. Zur Illustration erinnere ich mich eines Kneipabends bei schlechtem Bier, dass uns von zarter Hand eine Buttercremetorte hereingereicht wurde. In diesem Augenblick war die Kneipe vergessen und sofort in eine fröhliche Kaffeerunde verwandelt.
Es war ein glücklicher Umstand, dass gerade unter den Gründern der Teutoburger Barden einige Musikausübende (Laien) waren. So fand sich gleich ein Trio zusammen: Klavier (Harz), Geige (Schneider) und Cello (Hannes Schulze), das mit Begeisterung bei der Sache war. Schließlich fanden sich auch noch zwei Gitarrenspieler, nämlich Bbr. Schaar und ich. Sänger gab es verschiedene; darunter vor allem Martin Otto (Purri) mit seinem voluminösen schwarzen Bass, der wirklich in die Tiefe des Kellers stieg, wenn er sein Lieblingslied sang: "Im tiefen Keller".
Wir wagten uns sogar an einen Sketch heran: "Don Juan von rückwärts", mit dem wir bei einem Unterhaltungsabend, der von vielen Gästen besucht war, einen Bombenerfolg hatten. Was den Reiz erhöhte, war die Besetzung der Rolle der Donna Anna durch einen Mann, unseren lieben Zackel. Den Leporello mimte John Windels (Spitz). Martin Otto (Purri) war ein idealer Komtur, und ich hatte den Don Juan darzustellen.
So gesehen hätten wir eigentlich das Zeug zu einer Sängerschaft gehabt. Aber dann wäre die Weiterentwicklung wahrscheinlich mangels geeigneten Nachwuchses bei der geringen Zahl von Studierenden gescheitert. Außerdem taten wir alles aus freier Begeisterung und ohne Muss. Wie schön waren oft in Sommerabenden unsere Serenaden unter den Fenstern unserer Angebeteten! Man muss sich vorstellen, dass Zackel sein Cello durch die Straßen schleppte und hinter ihm ein Bundesbruder den notwendigen Stuhl nachtrug.
Mit der Zeit gehörte unsere Couleur in den Detmolder Straßen zum gewohnten Bild. Allerdings war es nicht so leicht, den Anschluss an die so genannte Gesellschaft zu bekommen, weil sie sich aus verschiedenen exklusiven Zirkeln zusammensetze. Man muss bedenken, dass Detmold damals noch ganz das fürstliches Gepräge hatte. Wenn der Fürst oder Angehörige seines Hauses in den Straßen sichtbar wurden, flogen die Hüte und Mützen vom Kopf. Aber was uns lieber war, als in das enge Korsett eines überholten Herkommens eingeschnürt zu werden, das war unsere neu gewonnene Freiheit. Und so stammte der Damenflor, mit dem wir uns auf Festen, Ausflügen und Tanzveranstaltungen schmückten, zum Teil aus Mädchenpensionaten, derer es damals in Detmold eine Reihe gab.
Natürlich waren wir auch – und besonders die Chargierten – häufig bei den Professoren eingeladen. Aber diese Abende erinnerten manchmal an vergangene Zeiten und ihr Zeremoniell, besonders dann, wenn uns die Ehre der Gegenwart seiner Königl. Hoheit zu teil wurde. Wir nahmen das alles mit Neugier und Humor auf, und ich muss heute noch lächeln, wenn ich daran denke.
Damit wir auch nach außen würdig vertreten waren, schien es den Bundesbrüdern wünschenswert, bei repräsentativen Anlässen in entsprechendem Wichs – der alsbald beschafft wurde – und möglichst mit einer Fahne zu erscheinen. Hier war es vor allem AH Wagner aus Blomberg, der darauf drängte. Er stiftete also eine prächtige Fahne. Die Weihe fand in festlichem Rahmen am Sonnabend, den 1. Dezember 1923 im Hotel "Vereinshaus" in der Wiesenstraße statt. Ein Gesellschaftsabend im renommierten Hotel "Stadt Frankfurt" am 2. Dezember beschloss das Fest.
Jedes Jahr wurde der "Leopoldstag" als dies academicus gefeiert, weil die Hochschule den Namen des letzten regierenden Fürsten trug. Der Tag wurde mit einer Feierstunde am Vormittag in der Aula der Hochschule eingeleitet, dem sich ein Empfang des Lehrkörpers, der Mitglieder des AStA und der Chargierten durch Fürst Leopold im Detmolder Schloss anschloss. Der Tag fand dann seinen fröhlichen Abschluss mit einem Zusammensein der Professoren- und Studentenschaft.
Soweit ich mich erinnere, war es das SS 1920, das die Barden in eine schwere Krise führte. Es hatte sich quasi eine Verschwörung von jüngeren Mitgliedern gebildet. Auf einem Konvent traten mehre Bbr. Bbr. mit einem Antrag in ultimativer Form auf, die Mensur und die Satisfaktion mit der Waffe unverzüglich einzuführen. Wir alten Barden vor allem waren bestürzt über diese Forderung, die hart im Gegensatz zu unserer Überzeugung stand. Der Antrag wurde abgelehnt und sofort erfolgten die Austrittserklärungen dieser Leute. Es waren wohl ihrer fünf. Wir weinten ihnen keine Träne nach. Sie gründeten bald darauf die "Wehrschaft Falkenburg" und bestätigten damit, dass sie ihrer Gesinnung nach nie zu uns gehört hatten.
Allerdings war es personell ein Verlust gerade von jüngeren Semestern, die uns nun fehlten. Die Reinigung indessen war heilsam und festigte unseren Bund.
V. Die Freundschaft
Wie schon erwähnt, war unser Bund auf Freundschaft aufgebaut. D.h., wir waren in den ersten Semestern alle miteinander eng befreundet. Es bestand eine geradezu ideale Übereinstimmung der Interessen und darüber hinaus der weltanschaulichen Betrachtung. Auch die Not unseres, durch das Versailler Diktat schwer getroffenen Vaterlandes einte uns in der Vorstellung eines Neuaufbaues, zwar auf demokratischer, aber unseres kulturellen Erbes bewusster Grundlage.
Zum rechten Verständnis muss man auf den schwankenden politischen Boden der damaligen Zeit verweisen: Rheinland-Besetzung, die Saar dem massiven Einfluss der Franzosen mit der Absicht ausgesetzt, dieses Land ganz vom deutschen Reichskörper zu trennen, die Separatistenbewegung in den Rheinlanden und in der Pfalz, Kämpfe des bewaffneten Kommunismus im Ruhrgebiet, wo regelrechte Schlachten zwischen diesem und der Reichswehr sowie den Freiwilligen-Verbänden geführt wurden, die Kämpfe in Sachsen, die Räteherrschaft in Bayern, die Kämpfe um Schlesien, die Ermordung Rathenaus.
Wir hofften und bangten. Wie viele Gespräche wurden bis tief in die Nacht auf unseren Buden geführt. Oder es trieb uns in die Schönheit des Teutoburger Waldes hinaus, um Ruhe und Sammlung zu finden. Die Debatten beruhigten sich dann und die Stille der Natur flocht ein enges Band um uns, das Band der Freundschaft.
In diesem Zusammenhang denke ich auch an ein Begebnis, das über die Freundschaft in unseren Reihen hinausreichte: Der norddeutsche Hochschultag in Detmold, dessen Trägerschaft entweder die Hochschulen oder aber die Studentenschaften dieses Gebietes waren. Für mich ungeheuer beeindruckend was damals die Feier am Hermannsdenkmal mit dem Aufmarsch der Chargierten aller Korporationen dieser Hochschulen. Ein imponierendes Bild, als die untergehende Sonne die Gestalt des Cheruskers anstrahlte und ein Professor aus Münster, ein Mönch, seine Ansprache gerade beendend, die Arme ausbreitete und wie ein lebendiges Kreuz gleich einer Mahnung dastand.
Eigentlich ist es ein weiter Weg bis zu den Ostfranken. Bei allem Respekt vor den Bemühungen, dem guten Wollen und den idealen Vorstellungen, welche die Geschichte der Ostfranken begleiten und sie auch inhaltlich füllten, bleibe ich unverbrüchlich mit den alten Teutoburger Barden, als einem Ideal der Freundschaft in der Musenstadt Detmold verbunden, einer Freundschaft, die alle, die in Detmold studierten, getragen hat und deren Kraft über die Burschenschaft Teutoburg in der SB-Verbindung Ostfranken wirksam bleiben möge als Erbteil der Teutoburger Barden!